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Designer*innen & Hersteller

„Ich wollte das nie machen“

Designer Konstantin Grcic in seinem Berliner Studio

Nach über dreißig Jahren als unabhängiger Designer ist Konstantin Grcic unter die Produzenten gegangen: mit der Marke 25kg. Ab sofort gibt es drei der Produkte, THING_01, THING_03 und THING_04, nicht nur im 25kg-Onlineshop, sondern auch bei MAGAZIN. Wir sprachen mit Grcic über die Faszination für industrielle Prozesse, das Auge von MAGAZIN, und warum er Kratzer und Verfärbungen bei den 25kg-Produkten nicht entfernen lässt.

Text: Jasmin Jouhar

Wenn du dich zurückerinnerst an die Zeit, in der du dein Studio gegründet hast: War es damals einfacher, Designer zu sein als heute?
Damals war es einfacher, sich etwas darunter vorzustellen, es gab eine klare Perspektive. Heute gibt es viele Perspektiven. Meine Idee von Design war geprägt von der italienischen Designkultur der Nachkriegszeit und von Gestalterinnen und Gestaltern, die für die Indus-trie entworfen haben. Was ich machen wollte, war immer mit der Industrie verbunden. Das fing schon in der Schreinerlehre an. Die Kreissäge als Möglichkeit, Dinge schnell und immer gleich herzustellen, hat mich mehr interessiert als das feine Handwerk.

Was ist für dich heute spannend?
Im Moment stecken wir im Krisenmodus. Aber man kennt das. Im Rückblick, vielleicht schon in zwanzig, dreißig Jahren, denkt man: „Das war eigentlich eine wahnsinnige Zeit.“ Weil sich so viel verändert hat. Und in dieser Veränderung sind Dinge zum ersten Mal möglich. Als ich angefangen habe, eigene Vorbilder zu suchen, war ich immer neidisch auf die, die etwas zum allerersten Mal machen konnten. Einfaches Beispiel: die ersten Stahlrohrmöbel.

Ist das auch einer der Gründe, warum du nach über dreißig Jahren als Designer eine Marke gegründet hast und zum Produzenten geworden bist? Etwas, was du nie machen wolltest.
Richtig, ich wollte das eigentlich nie machen. Meine Vorbilder waren immer Designerinnen und Designer, die frei und unabhängig waren. Eine Ausnahme: Ingo Maurer, der Designer und Produzent war. Und zwar auf Weltniveau. Ich hatte das Glück, ihn zu kennen und zu sehen, was das bedeutet. Zu entwerfen, eine Firma zu führen, Industrie zu sein und gleichzeitig Künstler. Ich dachte immer, das ist so einzigartig, das kann ich nicht. Doch in den letzten Jahren hat sich vieles verändert, die Möglichkeiten, in denen wir leben und arbeiten. In mir ist der Wunsch gereift, etwas zu tun, was ich noch nicht kenne. Ohne dass ich in Nostalgie schwelgen will: In den ersten Jahren meiner Selbstständigkeit waren Dinge extrem direkt, so greifbar, so klar. Es gab damals ein Gefühl, etwas machen zu können aus einer Notwendigkeit heraus und in einer Direktheit, die mir verloren gegangen ist über die Jahre. Ich will das Rad nicht zurückdrehen, aber die Frage ist, ob ich diese Klarheit und Einfachheit mit meiner eigenen Firma schaffe.

Alle Produkte von 25kg heißen THING, kombiniert mit einer laufenden Nummer.
Möbeln Namen zu geben, das kennt man von IKEA. Aber einen Namen zu finden, ist schwierig, alleine schon deshalb, weil viele rechtlich geschützt sind. Deshalb heißen die Produkte THING und werden durchnummeriert.

Das erste Produkt, THING_01, ist die Referenz für alle folgenden Produkte.
Ja, darin ist alles eingeschrieben, worum es mir mit 25kg geht. Es ist auf eine Essenz reduziert. Radikal in dem Sinne, dass weniger nicht geht. Weniger als das, worauf man sitzt, aber auch weniger an Struktur, die das Ding stabil macht. Jeder versteht, wie es funktioniert. Jeder versteht auch, wie bequem oder unbequem es ist, denn jeder hat schon mal auf einem Geländerrohr gesessen. Es lässt sich nicht vergleichen mit einem gepolsterten Barhocker. Aber den braucht man nicht immer, manchmal ist so ein mobiles Ding besser. Man kann es heranziehen, kurz sitzen, beweglich bleiben, wieder aufstehen. 25kg hat einen klar industriellen Ansatz, wir machen keine Editionen, keine Einzelanfertigungen. THING_01 ist aus Edelstahl gefertigt, ohne händische Nachbearbeitung. Ich musste den Hersteller anleiten: Das Rohr so nehmen, wie es kommt. Zuschneiden, verschweißen, fertig. Die Verfärbung der Schweißnaht darf bleiben. Die Kratzer im Rohr dürfen bleiben, es kommen sowieso weitere Kratzer hinzu. Das Ding soll gebraucht werden – und das bringt Gebrauchsspuren mit sich.

Hast du THING_01 auch einer der Marken angeboten, mit denen du zusammenarbeitest?
Der Entwurf ist tatsächlich aus der Arbeit mit einem Hersteller entstanden, als eine Art Steh-Sitzhilfe. Es ging um sogenannte agile Büros, man sitzt nicht kontinuierlich an einem Arbeitsplatz, sondern ist viel in Bewegung. Ich wusste, dass dieser Hersteller, aber auch andere, das Projekt nicht realisieren können. Das ist keine Kritik – ich verstehe, warum es nicht geht. Der Markt ist zu klein, und die Radikalität würde ein großes Umdenken erfordern. Aber das heißt nicht, dass solche Ideen keine Relevanz haben und dass es keine Nische von Nutzer*innen gibt, die damit umgehen können. Die Chance für 25kg sehe ich genau in dieser Nische. Und jetzt, eineinhalb Jahre nach der Gründung, kann ich bestätigen: Diese Nische meldet sich, es gibt Aufmerksamkeit, Interesse, Anwendungen. Aber ich arbeite weiter mit Unternehmen aus der Industrie zusammen, das läuft jetzt parallel zu 25kg.

Ursprünglich waren die 25kg-Produkte ausschließlich über den eigenen Onlineshop erhältlich. Jetzt gibt es sie auch im Sortiment von MAGAZIN. Warum?
MAGAZIN war für mich immer eine Referenz: als Laden, mit seinem Sortiment, seiner Produktauswahl und seiner Haltung zu den Dingen. Es war ein Glücksfall, dass MAGAZIN auf uns zukam mit dem Vorschlag, 25kg ins Sortiment aufzunehmen. Das gibt uns noch mal eine andere Plattform und auch eine Glaubwürdigkeit, Credibility. Ich freue mich darüber und lerne einiges neu: Kalkulationen, Verträge, Produktspezifikationen. Man wird zum Lieferanten, da muss man sich erst mal qualifizieren.

Stichwort Haltung, was verbindet 25kg mit MAGAZIN?
MAGAZIN steht für Dinge, die industriell hergestellt werden. Es geht weniger um eine Oberflächenästhetik von Nieten oder Schrauben, als um ehrliche Materialien, Prozesse, die man sieht, Lösungen, die sich aus Technologien ergeben und die man in ihrer Logik und Intelligenz als schön und brauchbar empfindet. Funktion, Reduktion, Sparsamkeit – mit wenig viel machen. Bei MAGAZIN hat man ein Auge für diese Dinge.

Was kann Industrie, was nur Industrie kann?
Für mich als Designer bietet die Industrie die Möglichkeit, in einem Prozess zu arbeiten, der auch Fehler zulässt. Der Prozess gibt einem Zeit, von der Idee über erste Modelle und Prototypen Dinge zu vereinfachen, zu optimieren, sich entwickeln zu lassen. Im Handwerk geht das nicht so einfach, in der Schreinerlehre hieß es: „A craftsman gets it right first time.“ Das habe ich nie gekonnt. In der Industrie habe ich mein Glück gefunden. Die Industrie kann Dinge in Serie herstellen und sie verfügbar machen – vor zwanzig Jahren hätte man gesagt, sie demokratisieren. Heute mag man darüber lachen, aber als ich studierte, war das ein Ideal. Ich finde das faszinierend: eine Maschine, die Dinge im Sekundentakt ausspuckt, schon fertig und immer gleich. Das ist für mich nach wie
vor ein Glücksgefühl.

Konstantin Grcic

Nach einer Ausbildung zum Möbelschreiner in Dorset, UK, und einem Studium am Royal College of Art in London, gründete Konstantin Grcic 1991 sein Studio in München. Heute lebt und arbeitet er in Berlin. Zu seinen Kunden aus der Möbel- und Leuchtenindustrie gehören Vitra, Mattiazzi, Flos und Magis. Grcic kuratiert und gestaltet außerdem Ausstellungen, etwa für das Vitra Design Museum oder das Mailänder Designmuseum Triennale.

Produkte von Konstantin Grcic

Nur bei Grcic selbst und bei MAGAZIN erhältlich. THING_01 ist ein dreibeiniger Stehhocker aus Edelstahl. Man sitzt oder lehnt auf THING_01 so, wie man sich intuitiv auf ein Geländer setzt: auf einem waagerechten Rohr, die Füße auf zweien der der Füße abgestellt.

550,00 €

Für Grcics ikonische Leuchte MAYDAY. Die Wandhalterung ist aus Edelstahl gefertigt, entsprechend widerstandsfähig ist sie und bietet der Leuchte drinnen und draußen ihren angestammten Platz. Angenehm schnörkellos und unprätentiös.

85,00 €

Der rotationsgeformte Sitz aus 100 % recyceltem Polypropylen lässt sich mithilfe der unterseitig befestigten Gerüstkupplung an allen Standard-Gerüststangen montieren. Simpel und direkt.

98,00 €

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