DESIGNGESCHICHTE(N)

SCHÖNER WOHNEN

SIBYLLE BERG

Schöner WohnenSchöner Wohnen

Träumen Sie auch so oft von Wohnungen? Sicher heißt das irgendwas, da ich aber ein schlichtes Gemüt bin, nehme ich Träume immer 1:1 und denke nach einem gelungenen Wohnungstraum nur: Potzblitz, ne hübsche Wohnung war das wieder. Finde ich im Traum ein Objekt, das mir gefällt, besuche ich es immer wieder. Im Moment ist es eine lang gestreckte Wohnung mit einem alten Glasdach, schweren Holzbohlen, Bibliotheken, Manufactum-Möbeln (oder so etwas in der Art) und einem Bach neben der Tür. Mit Bachsitzplatz quasi. Im wirklichen Leben wohne ich immer irgendwie und staune mithin, wenn ich bei erwachsenen zu Besuch bin. Dieses seltsame Gefühl, das sich entwickelt, wenn man in besonders raffinierten Straßen vor einem speziell gelungenen Haus steht. Efeu, Wintergärten, das volle Programm. Dann betritt man eine perfekte Wohnung und das Gefühl wird groß und mächtig, und immer verwechsle ich es in den ersten Minuten mit schlichtem Neid. Überwältigt stehe ich auf Teakböden, große Flügeltüren locken auf Terrassen, die über den See blicken, wenn es warm wird, werden da vermutlich flauschige Himmelbetten stehen – in der Wohnung sicher ein zweites Geschoss, wie kann man ohne zweites Geschoss leben, italienische Liegen, Damastbettwäsche, Luken, in die man Schmutzwäsche wirft, die gleitet dann wie ein Luchs in eine Waschküche, 230 qm, das braucht man zu zweit, wir wollen uns ja nicht auf den Wecker gehen, sagen die Bewohner der perfekten Wohnung, und alles klar, denke ich. Dann sitzt du da, an einem Tisch, Feuerlandkirsche, 50 kg, ein Essen wird serviert, verschiedene Gänge, die Gastgeber sind auch brillante Köche und reden über Balsamico. Das, was ich am Anfang für Neid hielt, ist unterdes zur Lähmung geworden. Die Wohnung, der Lebensentwurf, alles scheint mich demütigen zu wollen. Mit meinen nun bald 120 Jahren lebe ich immer noch in einem ständigen Provisorium. Ich hatte noch nie eine perfekte Wohnung, sondern nur immer nur die, die gerade da war, und dann wurde eine andere gesucht. Wie jetzt gerade.

Demütigung, sprach ich schon davon?
Erst auf der Immobilienseite die feinsten Kreise eingeben, im Fall Zürich: Innenstadt. Bahnhofstraße, Altstadt, sowas eben. Normal. Wenn man zehntausend Franken im Monat ausgeben möchte. Nun mal nicht gejammert, wer sich die Schweiz nicht leisten kann, soll getrost nach Österreich ziehen. Oder zurück nach Deutschland. Von da kommen jetzt eh alle, die einem die Wohnungen wegschnappen.
Und schon wieder fast vergessen, über all meinem Patriotismus, daß ich da auch mal herkam. Themenwechsel schnell. Dass das Zahlen von fetten Mieten kein Garant für Wohnglück ist, hat uns Frau Kaas gelehrt, die Sechszechntausend für ein Aquarium ausgab, in dem sie sich erstaunlicherweise beobachtet fühlte, weil gegenüber und links und rechts auch Aquarien standen. Mit unverhohlener Schadenfreude sah ich die verhaltensauffällige Frau Kaas durch diese Wohnung eiern, immer korrekt bekleidet, das Licht aus.
Diese modernen Gehäuse, die alle gleich aussehen, Betonwände, offene Küche, der Prototyp ist in Zürich über dem Riffraff-Kino zu beobachten. Ein oder zwei junge Männer, es fällt mir schwer, die auseinanderzuhalten, mit diesen immergleichen dummen Haarschnitten, Jeans, Pullunder, scheinen da ein Wohnprojekt zu machen. In voller Beleuchtung spielen sie in ihrer Wohnung E-Gitarre, haben das Zeug als Einrichtung, das heute jeder hat, Eames Chair, USM Haller Zeug und witzige Flohmarktklamotten (ich mixe immer Markenkleidung mit Flohmarktstücken), und darin bewegen sie sich, für jeden sichtbar. Die Lofts sind die Reihenhäuser von heute.
Wo war ich stehen geblieben?

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Ich suchte ein Jahr, solange wie ich in meiner jetzigen Wohnung wohnte, eine andere. Oh, Dinge erlebt man da, über die ich nicht schreibe, denn die launigen Aufsätze über Teppichböden mit Vertretereiweißflecken, Bordelle im
Haus und Methadonausgabestellen im Keller kennt man.
Wohin ich jetzt ziehe, ist relativ egal, denn es wird wieder nicht die perfekte Wohnung sein, und da offenbart sich etwas Grundlegendes. Es gibt Menschen, die sind für das Ultimative gemacht, und andere, die sich bis zum Ende durchfrickeln werden. Gardinen annageln, weil man keine Ahnung hat, wie die Dinger sonst halten sollen, Möbel, wozu Möbel? Die muss man ja wieder in die nächste Wohnung transportieren, und, alter Schwede, was manche Menschen für ein Zeug haben. Männer kommen und schleppen Klaviere. Was für wundervolle Witze es über Klaviertransporte gibt, aber wozu ein Klavier, wenn man nicht Pianist ist?
Eine Freundin fragte jüngst nach meinem Esstisch. Esstisch, mein Mund öffnete sich, vielleicht rann ein wenig Speichel aus ihm. Esstisch, eine verrückte Idee.

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Nahrung wird zu Bett oder auf dem Boden eingenommen, und Gäste in der Wohnung werde ich nie verstehen. Wozu Menschen der Schmach von zu viel Intimität aussetzen, wenn es Restaurants gibt. Möglich, dass ich so etwas wie einen auf Gäste und meine Wohnung bezogenen Waschzwang habe, mir ist es unangenehm, in den Höhlen anderer Leute zu stehen. Zu intim, zu viel Informationen, ich will nicht sehen, was sich andere ins Gesicht schmieren, Zahnbürsten mit Speiseresten, Toiletten, wo klar wird, wie der Gatte ausscheidet, Knoblauchgeruch aus der Spüle, und zu wissen, dass der Staubballen unter dem Bett sich aus Hautschuppen geformt hat, spinne ich, oder geht das, was Menschen in ihren Höhlen machen, wirklich keinen anderen was an? Und dann muss man da sitzen, und stolz wird Zeug aufgetischt, selber gekocht, und dann muss ich sagen – Fleisch ess ich nicht, und Alkohol an Soßen ess ich nicht, und Soßen ess ich nicht, und nein, esst nur kleine Lämmchen, das ist ok, ich nehme etwas von diesem Rosenkohl, den ich hasse und weine wegen des Lämmchens – ich hasse das. Wer zu geizig ist, in ein Restaurant zu gehen und mich einzuladen, soll es doch grad alles sein lassen. Nun, das tun die Bekannten, die ich habe, dann auch, nach hundert Absagen und nie erfolgten Gegeneinladungen ist der Ruf als Kauz irgendwann manifestiert. Je älter ich werde, umso eingerichteter werden meine Bekannten. Mit Esstischen, abgezogenen Parketts, neubezogenen Bauhaus-Liegen und Eigenheimen. Das ist das Thema jetzt: Wie, du willst nichts kaufen? Das ist die beste Anlage, und die Hypotheken so günstig im Moment. Sehen wir davon ab, dass ich nicht weiß, was eine Hypothek ist, verunsichern mich solcherlei Fragen fast so wie die nach einem Esstisch.
Muss ich jetzt etwas kaufen? Wie soll man das bezahlen, ist nur eine Frage. Dann schaue ich mit schlechtem Gewissen Villen am Comer See für ein paar Milliarden an, aber ich glaube, so ist das nicht gemeint. Die Bekannten kaufen Dreiraumwohnungen in Orten wie Forch, Trödiswil und Oberau. Der Begriff: Loftüberbauung fällt oft. Die Bekannten ziehen also eine Stunde außerhalb der Stadt in so einen Beton-Aquariumkasten, stellen perfekte Möbel
auf und sitzen da, für immer, und warten auf Besuch zum Abendbrot (Esstisch). Das Grauen endet in der Regel mit dem Ableben, und dann stehen die Enkel in der bis dahin völlig unmodern gewordenen Betonklitsche und müssen alte Interio-Sofas entsorgen.

Aber daran denkt von den Perfekteinrichtern natürlich keiner. Die Sucht nach Perfektion ist vermutlich nur der Irrglaube, sich in der Zeit zu manifestieren, für immer. Je perfekter die Oberfläche, umso unmöglicher scheint die Unperfektion des späten Alters und Todes darin vorstellbar.
Siechen auf Eileen Grey? Mit dem Rollstuhl durch Puls 5-Buden brettern? (Puls 5 für Nicht-Zürcher: urbanes Elend in Beton, Singles und junge Paare überschuldet in Glaskästen.)
Perfektes Wohnen ist ein bisschen wie tot sein. Was soll noch kommen, wenn alles schon da ist? Doch vielleicht ist das Gefühl, das ich in perfekten Wohnungen empfinde, doch nichts weiter als Neid. Vielleicht würde ich wissen, wie Glück wirklich geht, säße ich in dieser Wohnung, von der mir immer träumt, mit Bachsitzplatz. Wer kann das wissen.

Sibylle Berg wurde in Weimar geboren und ist schweizer Staatsbürgerin. Sie ist eine der bekanntesten Dramatikerinnen / Autorinnen im deutschsprachigen Raum. Ihre vielfach ausgezeichneten Werke wurden in 34 Sprachen übersetzt.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "50 Jahre 50 Produkte – Designgeschichte(n) erzählt von MAGAZIN". Jetzt erhältlich.

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