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Kolumne

Fleck lass nach!

Vor einiger Zeit konnte ich in Schweden eine Manufaktur besuchen, in der sehr gute Boxspringbetten gebaut werden. Beeindruckende Schlafmaschinen, deren Besitzer sich auf vielen Schichten ausgesuchter Naturmaterialien rekeln dürfen. Am Ende der Führung fragte ich den netten Herrn Matratzenstopfer, was denn wäre, wenn einem Kind in so einem Wunderbett ein, nun ja, nächtliches Missgeschick passieren würde? Der Schwede suchte diplomatisch nach Worten, aber die Antwort war klar: Das wäre nicht so gut, zumindest wenn es mehr als einmal passieren würde. Ein Bett zum Preis eines SUVs, ruiniert von ein bisschen Kinderpipi.

Vielleicht ein Extrem, aber die Botschaft deckt sich mit dem, was ich bei mir selbst und befreundeten Eltern feststelle: Bis die Kinder aus dem Haus sind, wird nix angeschafft, das irgendwie empfindlich, teuer oder Gott bewahre, einfach nur schön sein könnte. Und wir sprechen nicht nur vom Kinderzimmer, sondern von allen Räumen. Alles muss multifunktional, antibakteriell und aus dickem Fichten-Kantholz sein oder noch besser: mit dem Kärcher zu reinigen. Vom bereits vorhandenen Bestand nimmt man gleich nach der Rückkehr aus dem Kreißsaal Abschied: Adieu, ihr weißen Sofas, ihr filigranen Stehleuchten, ihr arthritischen Antiquitäten – bald seid ihr hin! Eine Wohnumgebung mit Kindern muss in erster Linie praktisch sein und in zweiter Linie verschmerzbar. Und trotz dieser Maßnahmen hört ein Kind tausendmal die Sätze: Nicht auf dem Sofa trinken, nicht auf den Tisch malen, nicht auf dem Sessel hopsen!

Ich schlage vor, dass wir mit diesem Quatsch morgen aufhören. Natürlich ist es richtig, Kindern den Wert von Dingen beizubringen. Noch wichtiger aber ist, glaube ich, ästhetische Bildung – dann erschließt sich das mit dem Wert der Dinge irgendwann von ganz allein. (Und sie bauen in 30 Jahren vielleicht nicht so schreckliche Einfamilienhäuser.) Also sollen sie auch live miterleben, wie die Eltern sich schön einrichten. Sie sollen mitreden dürfen, wenn es um Sofa-Farben oder Tapeten geht, und lernen zu formulieren, warum ihnen die alte Kommode besser gefällt als die neue. Sie sollen vom gleichen Porzellan essen wie die Eltern und nicht ewig aus Plastik trinken müssen. Sie sollen mit Kunst und Design aufwachsen und mit unvernünftig großen Blumensträußen im Flur. Sie sollen zusehen, wie ein Tisch gebaut wird oder eine Rosshaar-Matratze gestopft. Und vor allem: Sie sollen mitkriegen, dass ein schönes Zuhause glücklich macht. Gerade auch mit ein paar Flecken auf dem Sofa und Schrammen im Parkett. Denn die sagen nichts anderes als: Hier wird gelebt.

Text: Max Scharnigg
Illustration: Clo'e Floirat

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