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  3. Design ist wie Sexualität

Design ist wie Sexualität

Harald Martenstein

 



Ich interessiere mich für Mode und für Design, zumindest ein bisschen. Ich folge sogar gelegentlich Trends. Aber ich bin Skeptiker.

Wie funktioniert Mode überhaupt? Zur Zeit ziehen modebewusste Leute sich häufig wieder so ähnlich an wie in den Achtzigern. Reißverschlüsse sind gut, Kunstleder ist gut, bunt ist gut. Schwarz ist out. Schwarz tragen nur noch Kleinstadttheaterdirektoren. Sogar die Schnurrbärte kommen wieder. Beweis: Der Chef der wichtigsten Kunstausstellung, der „documenta“, trägt Schnurrbart. Assig ist als Stil generell gut. Assig ist ein neues Wort, es heißt „subproletarisch“. Dreckig ist auch gut, aber bitte nicht übertreiben. Enge Skianoraks sind gut, es müssen aber schlunzig aussehende sein, am besten mit Brandlöchern.

IN UNSEREN HERZEN SIND WIR, DIE ÄLTEREN ETABLIERTEN, EIGENTLICH AUCH JUNG GEBLIEBEN, UND KREATIV SIND WIR SOWIESO.

Modetrends funktionieren so. Das, was bei der gesellschaftlich tonangebenden, in den Machtpositionen sitzenden Altersgruppe der etwa Fünfzigjährigen als geschmacklos gilt, wird, um sich von den Etablierten abzugrenzen, von der nachwachsenden Generation immer zur Szenemode ernannt. Nach einer Weile denken die älteren Etablierten: „Im Grunde sehen schlunzige Skianoraks und geringelte T-Shirts gar nicht so übel aus. Man sieht das jetzt überall bei den jungen Kreativen. In unseren Herzen sind wir, die älteren Etablierten, eigentlich auch jung geblieben, und kreativ sind wir sowieso.“

Eines nicht allzu fernen Tages werden die älteren Etablierten mit Schnurrbärten und Vokuhila-Harrschnitt herumlaufen, während die Jugend wieder schwarz trägt und sich den Schädel rasiert. Es ist ein ewiger Kreislauf. Wenn man also wissen will, wie in zwanzig Jahren die Szenemode und das Szenedesign aussehen, muss man sich nur überlegen, was die heute Fünfundzwanzigjährigen in zwanzig Jahren, auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren, besonders ablehnenswert

DIE BABYS VON HEUTE WERDEN EINES TAGES HAWAIIHEMDEN TRAGEN. KEIN SCHÖNER GEDANKE. ABER SO SIND DIE EWIGEN NATURGESETZE DER ÄSTHETIK.

finden werden. Es wird wahrscheinlich der Dieter-Bohlen- Stil sein. 2020 tragen die angesagten jungen Maler folglich blonde Haarsträhnchen, hochgekrempelte Anzugärmel und Goldkettchen. Oder Hawaiihemden, wie Jürgen von der Lippe. Tiiffanylampen? Warum nicht. An den Wänden: gemusterte Tapeten. Die Szenefrauen werden ins Solarium und zum Brustvergrößerer gehen. Ja, genau so wird im Jahre 2020 der Szenestil aussehen. Die Babys von heute werden eines Tages Hawaiihemden tragen. Kein schöner Gedanke. Aber so sind die ewigen Naturgesetze der Ästhetik.

Und wie funktioniert Design? Erstens ist Design nur dann gut, wenn man keinen Erklärtext braucht. Zweitens gibt es Dinge, die man besser so lässt, wie sie immer gewesen sind. Drittens sollte man sich immer überlegen, wie ein bestimmter Gegenstand in, sagen wir, zehn Jahren wirken wird. Dann ist alles ganz einfach. Zum Beispiel die Bahnhofstoilette von Westerland auf Sylt: Sie besteht größtenteils aus Buntglas und sieht wie eine Raumkapsel aus. Statt Griffen haben die Kabinentüren Löcher. Durch dieses Loch steckt man die Zeigefinger hindurch, mit dem gekrümmten Finger zieht man dann die Tür zu. Die Löcher sind, vermutlich aus ästhetischen Gründen, ziemlich klein. Sie sind nichts für Dickfingerige. Dickfingerige sollen in Westerland woanders hingehen.

Sobald eine Toilettentür zu ist, möchte man sie verriegeln, das ist nur menschlich. Dazu gibt es in Westerland ein Trackpad, wie beim Computer. Man legt auf bestimmte Weise die Hand drauf und setzt einen Riegelmechanismus in Gang. Wie man es machen soll, steht in einem Text, der sich über dem Trackpad an der Tür befindet. Als ich in Westerland war, ist der Text abgewetzt und unleserlich gewesen. Ich habe das Prinzip nicht begriffen.

SOBALD EINE TOILETTENTÜR ZU IST, MÖCHTE MAN SIE VERRIEGELN, DAS IST NUR MENSCHLICH. DAZU GIBT ES IN WESTERLAND EIN TRACKPAD, WIE BEIM COMPUTER.


Während ich in der Bahnhofstoilette von Westerland auf Sylt mit dem gekrümmten Zeigefinger der linken Hand die Tür zuhielt, an der immer wieder eilige Reisende rüttelten, denn es ist, vielleicht wegen ihres attraktiven Designs, eine extrem gut besuchte Toilette, habe ich etwas Grundsätzliches begriffen. Design ist wie Sexualität. Beides, Design und Sexualität, kann den Menschen Freude bereiten oder sogar Erfüllung stiften. Beides kann aber auch eine ganz böse Frustration hervorrufen, wenn es, egal, wie oft man es versucht, einfach nicht funktioniert, oder wenn die Partner nicht zusammenpassen. Die Frage, wie man eine Toilettentür verschließt, ist historisch erschöpfend beantwortet. Man nimmt einen Griff und dreht ihn um. Die Designer könnten sich anderen, noch ungelösten Problemen zuwenden, zum Beispiel dem spritzfrei zu öffnenden Plastikmilchtöpfchen. Designer denken nicht so.

Schlimm ist es in den Badezimmern. Jeder Reisende hat schon einmal unter der Hoteldusche gestanden und festgestellt, dass er oder sie das Armaturendesign nicht begreift. Je teurer das Hotel, desto größer das Risiko, einem Designverbrechen zum Opfer zu fallen. Es könnte so einfach sein.

JE TEURER DAS HOTEL, DESTO GRÖSSER DAS RISIKO, EINEM DESIGNVERBRECHEN ZUM OPFER ZU FALLEN.

Man braucht zwei Drehhähne, einen mit einem roten, den anderen mit einem blauen Punkt. Designer denken nicht so. Sie machen Rucksäcke mit nur einem Gurt. Sie machen Brillen, die man nicht mehr hinter den Ohren festhakt, sondern am Kopf. Bald werden Handys kommen, die man nicht mehr ans Ohr hält, sondern Gott weiß wohin. Ich habe einmal mit angetrockneter Seife unter den Kleidern ein Interview mit Johannes Heesters geführt, dem Superstar aus der Nazizeit. Bei dem Interview habe ich mir gesagt: „Damals konnte jeder Deutsche in jedem Hotel jederzeit den Heißwasserhahn aufdrehen.“ So geistig nah bin ich dem Faschismus noch nie gekommen! Daran sind die Designer schuld.

> Harald Martenstein, geboren 1953 in Mainz, ist Kolumnist der „Zeit“ und Redakteur beim Berliner „Tagesspiegel“. Im Jahr 2004 erhielt er den Kisch-Preis, 2007 erschien sein Debüt-Roman „Heimweg“.

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