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Der Umnutzer


Kaum ein anderes Thema wird derzeit in der Designpresse so häufig thematisiert wie Ökologie. Kaum einer aber weiß genau, was unter „ökologischem Design“ zu verstehen ist: visuelle Langlebigkeit, die Umnutzung des Wohlstandsmülls, CO2-Reduktion bei der Herstellung, Recyclierbarkeit oder schlicht und einfach „Grün“ als Marketingfloskel? Längst ist „Öko“ auch im Design ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlichster und dabei nicht immer sofort sichtbarer Faktoren.

Alain Berteau hat als Vertreter einer jüngeren Designer-Generation, für die Umweltfragen und Aspekte der Nachhaltigkeit zunehmend selbstverständlich sind, in den letzten Jahren immer wieder mit Entwürfen überrascht, die direkt veranschaulichen, warum sie als ökologisch und sinnvoll gelten können: nicht, weil sie mit grobem Leinen oder aus geschreddertem Plastik daherkommen, sondern weil sie mit intelligenten Designlösungen vermitteln, was Materialreduktion, Verpackungsminimierung oder ein sinnvoller Rückgriff auf bereits Vorhandenes bedeuten können. „Jeder spricht beim Thema Ökologie über Recycling,“ so Berteau, „das ist Quatsch – Recycling kostet Energie und Geld. Ein richtig gutes ökologisches Produkt braucht das nicht.“

Und so packt der junge Belgier einen ganzen Stuhl für den Transport in einen wenige Zentimeter hohen Karton. Er lässt in seinen Entwürfen für MAGAZIN Polsterhocker aus Pappdosen wachsen, die vorher als Transportmittel und beim fertigen Produkt als Unterkonstruktion dienen. Er macht simple Aktenordner zu langlebigen Präsentationsmappen, indem er sie mit einem schützenden Stoffmantel
bezieht. Oder er verwandelt mit dem Hocker „Stepstone“ ein bereits existierendes und ausgereiftes Produkt, um dessen Fähigkeiten auch in anderen Bereichen nutzen zu können. Dafür versieht er den vertrauten Industrie-Rollhokker mit Polster und Überzug; auf die Neuentwicklung und Herstellung einer aufwändigen Unterkonstruktion kann so verzichtet werden. Bei allen drei Entwürfen für MAGAZIN macht somit eine weiche Außenhaut aus einer bereits vorhandenen festen Struktur ein völlig neues Objekt. Das „Ready-Made“ wird zum „Smart Product“, das sich bekannter Funktionalitäten bedient und sie in einem neuen Kontext nutzbar macht: Ist der Rollhocker etwa sonst ästhetisch
nur in Archiv oder Materiallager zu ertragen, wird er mit seinem neuen textilen Äußeren auch alltagstauglich für Büro oder Wohnung.

„Es gibt viele Produkte auf dem Markt, die sehr einfach aussehen, aber sehr komplex sind, schwierig zu produzieren und zu nutzen,“ so Berteau. „Die Definition von Minimalismus ist meist: großer Aufwand für einfach aussehende Dinge. Ich aber mache genau das Gegenteil: wenig Aufwand für kraftvolle Objekte! Es geht darum, Dichte, Energie und unsichtbare Fähigkeiten in ein Produkt einzubringen. Selbstverständliche und vertraute Produkte statt laufend neuer Statussymbole!“ Mit seiner Umnutzung von Industrieprodukten für den Wohn- oder Bürokontext steht Alain Berteau zwischen der traditionellen gestalterischen Suche nach Innovation und dem selbstverständlichen Rückgriff auf das Langlebige und Bewährte – und passt damit bestens in die MAGAZIN-Tradition, die heute wie vor dreißig Jahren wohl immer auch als „nachhaltig“ gelten kann.

Alain Berteau wurde 1971 in Aachen als Sohn belgischer Eltern geboren und wuchs in Brüssel auf. Nach seinem Architekturstudium an der Universität La Cambre gründete er sein eigenes Architekturbüro in Brüssel. 2002 verlegte er seinen Schwerpunkt auf Design und gründete das Büro Alain Berteau designworks. Seit 2003 lehrt er Möbeldesign an seiner früheren Hochschule. 2006 zeichnete ihn die Interieur-Biennale in Kortrijk als „Designer des Jahres“ aus.



> ABC1 - Rollhocker
> ABC2 – Polsterhocker und -tisch
> ABC3 – Hülle für Aktenordner
> www.alainberteau.com

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